Das Herz des Evangeliums
„So sind wir nun Botschafter an Christi statt, als ob Gott euch durch uns bäte; wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen! Denn er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden.“ — 2. Korinther 5,20–21.
Das Herz des Evangeliums ist die Erlösung, und das Wesen der Erlösung ist das stellvertretende Opfer Christi. Wer diese Wahrheit predigt, predigt das Evangelium, worin er sich sonst auch irren mag; wer aber die Sühne nicht predigt, hat, was immer er sonst verkündet, die Seele und das Wesen der göttlichen Botschaft verfehlt. In diesen Tagen fühle ich mich verpflichtet, immer wieder die grundlegenden Wahrheiten des Evangeliums durchzugehen. In friedlichen Zeiten mögen wir uns frei fühlen, Ausflüge in interessante, weit entlegene Gebiete der Wahrheit zu unternehmen; jetzt aber müssen wir zu Hause bleiben und Herd und Heim der Gemeinde schützen, indem wir die ersten Grundsätze des Glaubens verteidigen. In dieser Zeit sind in der Gemeinde selbst Männer aufgestanden, die verkehrte Dinge reden. Viele beunruhigen uns mit ihren Philosophien und neuartigen Auslegungen, mit denen sie die Lehren leugnen, die sie zu lehren vorgeben, und den Glauben untergraben, zu dessen Bewahrung sie sich verpflichtet haben. Es ist gut, wenn einige von uns, die wissen, was sie glauben, und ihren Worten keine geheimen Bedeutungen unterlegen, entschieden auftreten und auf ihrem Standpunkt beharren, das Wort des Lebens darreichen und die grundlegenden Wahrheiten des Evangeliums Jesu Christi klar verkündigen.
Lasst mich euch ein Gleichnis erzählen. In den Tagen Neros herrschte in Rom großer Mangel an Lebensmitteln, obwohl in Alexandria Getreide in Fülle zu kaufen war. Ein Mann, dem ein Schiff gehörte, ging an die Küste hinab und bemerkte dort viele hungrige Menschen, die angestrengt aufs Meer blickten und nach den Schiffen Ausschau hielten, die mit Getreide aus Ägypten kommen sollten. Als diese Schiffe eines nach dem anderen am Ufer anlegten, rangen die armen Menschen in bitterer Enttäuschung die Hände; denn an Bord der Galeeren war nichts als Sand, den sie auf Befehl des tyrannischen Kaisers für die Arena hatten herbringen müssen. Es war eine schändliche Grausamkeit, während Menschen verhungerten den Handelsschiffen zu befehlen, hin und her zu fahren und nichts als Sand für Gladiatorenspiele zu bringen, wo doch Weizen so dringend gebraucht wurde. Da sagte der Kaufmann, dessen Schiff am Kai lag, zu seinem Kapitän: „Sieh gut zu, dass du aus Alexandria nichts als Getreide mitbringst; und während du früher ein oder zwei Maß Sand im Schiff mitgebracht hast, bring diesmal nicht einmal so viel mit, wie auf einer Pennymünze liegen könnte. Bring nichts anderes, sage ich, als Weizen; denn diese Menschen sterben, und nun müssen wir unsere Schiffe ausschließlich dazu verwenden, ihnen Nahrung zu bringen.“ Ach, ich habe in letzter Zeit mächtige Galeeren gesehen, die mit nichts als dem bloßen Sand der Philosophie und Spekulation beladen waren, und habe mir gesagt: „Nein, ich will in meinem Schiff nichts befördern als die geoffenbarte Wahrheit Gottes, das Brot des Lebens, das die Menschen so dringend brauchen.“ Gott gebe uns heute, dass unser Schiff nichts an Bord habe, was bloß die Neugier befriedigt oder dem Geschmack schmeichelt, sondern Wahrheiten, die zur Errettung der Seelen nötig sind. Ich möchte, dass jeder von euch sagt: „Nun, es war einfach die alte, alte Geschichte von Jesus und seiner Liebe, und nichts anderes.“ Ich wünsche für nichts anderes bekannt zu sein als dafür, das alte Evangelium zu predigen. Es gibt genug Leute, die euch die neue Musik vorspielen können; ich aber will zu keiner Zeit eine andere Musik haben als die, die im Himmel zu hören ist: „Dem, der uns geliebt und uns von unseren Sünden mit seinem eigenen Blut gewaschen hat, ihm sei die Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit!“
Ich beabsichtige, liebe Freunde, meine Rede mit dem zweiten Teil meines Textes zu beginnen, in dem die Lehre von der Stellvertretung mit diesen Worten dargelegt wird: „Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden.“ Darin liegen die Grundlage und die Kraft jener Appelle, die wir pflichtgemäß an das Gewissen der Menschen richten müssen.
Ich habe, meine Brüder, durch lange Erfahrung festgestellt, dass nichts das Herz so berührt wie das Kreuz Christi; und wenn das Herz vom zweischneidigen Schwert des Gesetzes getroffen und verwundet worden ist, heilt nichts seine Wunden so wie der Balsam, der aus dem durchbohrten Herzen Jesu fließt. Das Kreuz ist Leben für die geistlich Toten. Es gibt eine alte Legende, die nicht buchstäblich wahr sein kann; betrachtet man sie jedoch als Gleichnis, so ist sie überaus lehrreich. Man erzählt, als die Kaiserin Helena nach dem wahren Kreuz suchte, habe man in Jerusalem tief gegraben und die drei Kreuze von Golgatha in der Erde gefunden. Welches der drei das wirkliche Kreuz war, an dem Jesus gestorben war, konnte man nur durch gewisse Proben herausfinden. So brachte man einen Leichnam und legte ihn auf eines der Kreuze; aber es zeigte sich weder Leben noch Bewegung. Als derselbe Leichnam ein anderes der Kreuze berührte, wurde er lebendig; und da sagte man: „Dies ist das wahre Kreuz.“ Wenn wir sehen, dass Menschen durch die Lehre vom stellvertretenden Opfer lebendig gemacht, bekehrt und geheiligt werden, dürfen wir mit Recht schließen, dass dies die wahre Lehre von der Sühne ist. Ich habe nicht erlebt, dass Menschen zum Leben für Gott und zur Heiligkeit gebracht wurden, außer durch die Lehre vom Tod Christi für den Menschen. Herzen aus Stein, die zuvor nie lebendig geschlagen hatten, wurden zu Herzen aus Fleisch, indem der Heilige Geist sie diese Wahrheit erkennen ließ. Eine heilige Zartheit hat die Halsstarrigen ergriffen, wenn sie von Jesus hörten, der für sie gekreuzigt wurde. Diejenigen, die an der finsteren Pforte der Hölle lagen, von siebenfachem Todesschatten umhüllt — selbst über ihnen ist ein großes Licht aufgegangen. Die Geschichte von dem großen Liebhaber der Menschenseelen, der sich selbst zu ihrer Errettung hingab, ist in der Hand des Heiligen Geistes noch immer die größte aller Kräfte im Bereich des menschlichen Geistes.
So will ich heute Morgen zuerst die große Lehre behandeln; danach wollen wir, zweitens, wenn Gott mir hilft, zu dem großen Argument kommen, das im zwanzigsten Vers enthalten ist: „So sind wir nun Botschafter an Christi statt, als ob Gott euch durch uns bäte; wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!“
I. Zuerst will ich also mit möglichster Kürze über DIE GROSSE LEHRE sprechen. Die große Lehre, die größte von allen, ist diese: Gott sah, dass die Menschen durch ihre Sünde verloren waren, nahm ihre Sünde und legte sie auf seinen eingeborenen Sohn, indem er ihn für uns zur Sünde machte, ihn, der keine Sünde kannte; und infolge dieser Übertragung der Sünde wird derjenige, der an Christus Jesus glaubt, gerecht gemacht, ja, er wird zur Gerechtigkeit Gottes in Christus gemacht. Christus wurde zur Sünde gemacht, damit Sünder zur Gerechtigkeit gemacht würden. Das ist die Lehre von der Stellvertretung unseres Herrn Jesus Christus für schuldige Menschen.
Betrachtet nun zuerst: Wer wurde für uns zur Sünde gemacht? Die hier gegebene Beschreibung unseres großen Bürgen betrifft nur einen Punkt, und das mag für unsere jetzige Betrachtung mehr als genügen. Unser Stellvertreter war makellos, unschuldig und rein. „Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht.“ Christus Jesus, der Sohn Gottes, wurde Mensch, wurde Fleisch und wohnte hier unter den Menschen; doch obwohl er in der Gestalt des sündigen Fleisches kam, kannte er keine Sünde. Obgleich die Sünde auf ihn gelegt wurde, geschah das nicht so, dass er dadurch schuldig geworden wäre. Er war kein Sünder und konnte keiner sein: Er kannte die Sünde nicht aus eigener Erfahrung. Während seines ganzen Lebens beging er niemals einen Verstoß gegen das große Gesetz der Wahrheit und des Rechts. Das Gesetz war in seinem Herzen; Heiligkeit war seine Natur. Er konnte zur ganzen Welt sagen: „Wer von euch überführt mich einer Sünde?“ Selbst sein schwankender Richter fragte: „Was hat er denn Böses getan?“ Als ganz Jerusalem aufgefordert und bestochen wurde, gegen ihn auszusagen, konnten keine Zeugen gefunden werden. Man musste seine Worte falsch wiedergeben und verdrehen, ehe seine erbittertsten Feinde eine Anklage gegen ihn erfinden konnten. Sein Leben brachte ihn mit beiden Tafeln des Gesetzes in Berührung, aber nicht ein einziges Gebot hatte er übertreten. Wie die Juden das Passahlamm untersuchten, ehe sie es schlachteten, so untersuchten Schriftgelehrte und Pharisäer, Gesetzeslehrer, Oberste und Fürsten den Herrn Jesus, ohne ein Vergehen an ihm zu finden. Er war das Lamm Gottes, ohne Fehl und ohne Flecken.
Wie es bei unserem Herrn keine Sünde durch Tun gab, so gab es bei ihm auch keine Schuld durch Unterlassen. Wahrscheinlich, liebe Brüder, sind wir als Gläubige durch die göttliche Gnade befähigt worden, die meisten Tatsünden zu vermeiden; ich jedenfalls muss aber täglich über Unterlassungssünden trauern. Haben wir geistliche Tugenden, so erreichen sie doch nicht das von uns geforderte Maß. Tun wir etwas, das an sich richtig ist, verderben wir unser Werk doch gewöhnlich schon auf der Töpferscheibe, sei es durch den Beweggrund, durch die Art der Ausführung oder durch die Selbstzufriedenheit, mit der wir es nach der Vollendung betrachten. In der einen oder anderen Hinsicht mangelt es uns an der Herrlichkeit Gottes. Wir vergessen zu tun, was wir tun sollten, oder wir machen uns beim Tun der Lauheit, des Selbstvertrauens, des Unglaubens oder eines anderen schweren Fehlers schuldig. Nicht so unser göttlicher Erlöser. Man kann nicht sagen, dass seiner vollkommenen Schönheit irgendein Zug gefehlt hätte. Er war vollkommen im Herzen, im Vorsatz, im Gedanken, im Wort, in der Tat und im Geist. Man könnte dem Leben Christi nichts hinzufügen, ohne dass es offensichtlich ein überflüssiges Anhängsel wäre. Er war im vollsten Sinn ein in jeder Hinsicht vollkommener Mensch, wie wir heute sagen. Sein Leben ist ein vollkommener Kreis, ein vollständiger Inbegriff der Tugend. Keine Perle ist von der silbernen Schnur seines Charakters gefallen. Keine einzelne Tugend hat die übrigen überschattet und verkümmern lassen: Alle Vollkommenheiten verbinden sich in vollkommener Harmonie zu einer alles überragenden Vollkommenheit in ihm.
Unser Herr kannte auch keine Sünde der Gedanken. Sein Sinn brachte niemals einen bösen Wunsch oder ein böses Verlangen hervor. Im Herzen unseres gepriesenen Herrn gab es niemals den Wunsch nach irgendeinem bösen Vergnügen oder das Verlangen, einem Leiden oder einer Schmach zu entgehen, die mit seinem Dienst verbunden waren. Als er sagte: „Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber“, wollte er dem bitteren Trank niemals auf Kosten seines vollkommenen Lebenswerkes entgehen. Das „wenn es möglich ist“ bedeutete: „Wenn es mit dem vollen Gehorsam gegen den Vater und der Vollendung des göttlichen Ratschlusses vereinbar ist.“ Wir sehen, wie die Schwachheit seiner Natur zurückschreckt und die Heiligkeit seiner Natur sich entscheidet und siegt, indem er hinzufügt: „Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Er nahm die Gestalt des sündigen Fleisches an; doch obwohl dieses Fleisch ihn oft körperlich ermüden ließ, brachte es in ihm niemals die Schwachheit der Sünde hervor. Er nahm unsere Schwachheiten auf sich, zeigte jedoch niemals eine Schwachheit, der auch nur die geringste Schuld anhaftete. Niemals kam ein böser Blick aus diesen gepriesenen Augen; niemals ließen seine Lippen ein unbedachtes Wort fallen; niemals gingen diese Füße auf einem bösen Weg, noch bewegten sich diese Hände zu einer sündigen Tat; denn sein Herz war von Heiligkeit und Liebe erfüllt. Innerlich wie äußerlich war unser Herr ohne Makel. Seine Wünsche waren ebenso vollkommen wie seine Taten. Auch unter dem prüfenden Blick der Allwissenheit konnte in ihm kein Schatten eines Fehlers gefunden werden.
Ja, mehr noch: In unserem Stellvertreter gab es keinerlei Neigung zum Bösen, in welcher Gestalt auch immer. In uns bestehen solche Neigungen immer; denn der Makel der Erbsünde liegt auf uns. Wir müssen uns selbst regieren und uns streng im Zaum halten, sonst würden wir kopfüber ins Verderben stürzen. Unsere fleischliche Natur begehrt das Böse und muss wie mit Zaum und Gebiss zurückgehalten werden. Glücklich der Mensch, der sich selbst beherrschen kann. Bei unserem Herrn aber war es seine Natur, rein, gerecht und liebevoll zu sein. All sein liebliches Wollen war auf das Gute gerichtet. Sein ungezwungenes Leben war Heiligkeit selbst: Er war „das heilige Kind Jesus“. Der Fürst dieser Welt fand in ihm keinen Brennstoff für die Flamme, die er entzünden wollte. Nicht nur ging keine Sünde von ihm aus, sondern es war keine Sünde in ihm, auch keine Neigung oder Tendenz in dieser Richtung. Beobachtet ihn im Verborgenen, und ihr findet ihn im Gebet; blickt in seine Seele, und ihr findet ihn begierig, den Willen des Vaters zu tun und zu erleiden. O gesegneter Charakter Christi! Hätte ich die Zungen der Menschen und der Engel, ich könnte seine absolute Vollkommenheit nicht würdig darstellen. Mit Recht mag der Vater Wohlgefallen an ihm haben! Wohl mag der Himmel ihn anbeten!
Geliebte, es war unbedingt notwendig, dass jeder, der an unserer Stelle leiden können sollte, selbst makellos wäre. Was kann ein Sünder, der wegen seiner eigenen Vergehen der Strafe unterliegt, anderes tun, als den Zorn zu tragen, der seiner eigenen Sünde gebührt? Unser Herr Jesus Christus wurde als Mensch unter das Gesetz getan; aber er schuldete diesem Gesetz nichts, denn er erfüllte es in jeder Hinsicht vollkommen. Er konnte den Platz anderer einnehmen und an ihre Stelle treten, weil keine eigenen Verpflichtungen auf ihm lagen. Er stand nur deshalb in Verpflichtungen gegenüber Gott, weil er freiwillig übernommen hatte, Bürge und Opfer für diejenigen zu sein, die der Vater ihm gab. Er selbst war frei von Schuld, sonst hätte er nicht für schuldige Menschen Bürgschaft leisten können.
O wie bewundere ich ihn, dass er, der war, wie er war, makellos und dreimal heilig, sodass selbst die Himmel in seinen Augen nicht rein waren und er seinen Engeln Torheit vorwarf, sich dennoch herabließ, für uns zur Sünde gemacht zu werden! Wie konnte er es ertragen, den Übeltätern zugerechnet zu werden und die Sünde vieler zu tragen? Für einen sündigen Menschen mag es kein Elend sein, unter sündigen Menschen zu leben; für einen Menschen mit reinem Sinn wäre es jedoch ein schwerer Kummer, unter einer Schar verkommener und zügelloser Elender zu wohnen. Welch überwältigender Kummer muss es für den reinen und vollkommenen Christus gewesen sein, unter Heuchlern, Selbstsüchtigen und Gottlosen zu wohnen! Wie viel schlimmer, dass er selbst die Sünden dieser schuldigen Menschen auf sich nehmen musste! Seine empfindsame und zarte Natur muss schon vor dem Schatten der Sünde zurückgeschreckt sein; und doch lest die Worte und staunt: „Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht.“ Unser vollkommener Herr und Meister trug unsere Sünden an seinem eigenen Leib auf das Holz. Er, vor dem selbst die Sonne trübe ist und das reine Himmelsblau als Verunreinigung erscheint, wurde zur Sünde gemacht. Ich brauche das nicht in schöne Worte zu kleiden: Die Tatsache selbst ist zu groß, als dass menschliche Sprache sie noch erhöhen müsste. Reines Gold zu vergolden oder die Lilie zu bemalen wäre töricht; noch viel törichter wäre es aber, die unvergleichliche Schönheit des Kreuzes mit Redeblumen überziehen zu wollen. Es genügt, in schlichten Versen zu sagen:
„O höre diesen durchdringenden Schrei!
Was mag er bedeuten?
»Mein Gott! Mein Gott! O warum hast du mich
Im Zorn verlassen?«
O weil unsere Sünden
Von Gott auf ihn gelegt wurden;
Er, der selbst niemals gesündigt hatte,
Wurde für Sünder zur Sünde gemacht.“
Das führt mich zum zweiten Punkt des Textes: Was geschah mit dem, der keine Sünde kannte? Er wurde „zur Sünde gemacht“. Das ist ein wunderbarer Ausdruck: Je mehr ihr ihn erwägt, desto mehr werdet ihr über seine außerordentliche Kraft staunen. Nur der Heilige Geist konnte eine solche Sprache hervorbringen. Es war weise vom göttlichen Lehrer, sehr starke Ausdrücke zu gebrauchen; sonst hätte der Gedanke vielleicht keinen Eingang in den menschlichen Verstand gefunden. Selbst jetzt, trotz des Nachdrucks, der Klarheit und der Bestimmtheit der Sprache, die hier und andernorts in der Schrift gebraucht wird, finden sich Menschen, die kühn genug sind zu leugnen, dass die Schrift Stellvertretung lehrt. Mit solchen spitzfindigen Köpfen zu streiten ist nutzlos. Offenbar hat Sprache für sie keine Bedeutung. Das dreiundfünfzigste Kapitel Jesajas zu lesen, es als auf den Messias bezogen anzuerkennen und dann sein stellvertretendes Opfer zu leugnen, ist schlicht Bosheit. Mit solchen Menschen zu rechten wäre vergeblich; sie sind so blind, dass sie selbst auf der Sonne nichts sehen könnten. In der Gemeinde und außerhalb der Gemeinde gibt es eine tödliche Feindschaft gegen diese Wahrheit. Das moderne Denken müht sich, dem auszuweichen, was offensichtlich die Bedeutung der Worte des Heiligen Geistes ist: dass die Sünde von den Schuldigen weggenommen und auf den Unschuldigen gelegt wurde. Es steht geschrieben: „Der HERR hat unser aller Schuld auf ihn gelegt.“ Das ist eine so deutliche Sprache, wie man sie nur gebrauchen kann; wäre aber eine noch deutlichere nötig, hier ist sie: „Er hat ihn für uns zur Sünde gemacht.“
Gott der Herr legte auf Jesus, der es freiwillig übernahm, das ganze Gewicht der menschlichen Sünde. Statt auf dem Sünder zu ruhen, der sie tatsächlich begangen hatte, wurde es auf Christus gelegt, der sie nicht begangen hatte; zugleich wurde die Gerechtigkeit, die Jesus erworben hatte, dem Konto der Schuldigen gutgeschrieben, die sie nicht erworben hatten, sodass die Schuldigen als Gerechte behandelt werden. Die von Natur aus schuldig sind, werden als gerecht angesehen, während er, der von Natur aus überhaupt keine Sünde kannte, als schuldig behandelt wurde. Ich meine, in Dutzenden von Büchern gelesen zu haben, eine solche Übertragung sei unmöglich; doch diese Behauptung hat auf meinen Sinn keinen Eindruck gemacht. Es kümmert mich nicht, ob sie nach Ansicht gelehrter Ungläubiger unmöglich ist: Bei Gott ist sie offensichtlich möglich, denn er hat sie vollzogen. Aber sie sagen, sie widerspreche der Vernunft. Auch das kümmert mich nicht: Sie mag der Vernunft jener Ungläubigen widersprechen, aber nicht der meinen; und wenn ich mich von der Vernunft leiten lassen soll, folge ich lieber meiner eigenen. Die Sühne ist ein Wunder, und Wunder sind eher im Glauben anzunehmen als durch Berechnung zu messen. Eine Tatsache ist das beste aller Argumente. Es ist eine Tatsache, dass der Herr unser aller Schuld auf Jesus gelegt hat. Gottes Offenbarung beweist die Tatsache, und unser Glaube bietet menschlichen Zweifeln die Stirn! Gott sagt es, und ich glaube es; und indem ich es glaube, finde ich darin Leben und Trost. Sollte ich es nicht predigen? Ganz gewiss will ich es tun.
„Seit ich im Glauben den Strom sah,
Den seine blutenden Wunden speisen,
Ist erlösende Liebe mein Thema gewesen
Und wird es sein, bis ich sterbe.“
Christus war nicht schuldig und konnte nicht schuldig gemacht werden; aber er wurde behandelt, als wäre er schuldig, weil er an die Stelle der Schuldigen treten wollte. Ja, er wurde nicht nur als Sünder behandelt, sondern so, als wäre er die Sünde selbst, ganz für sich genommen. Das ist eine erstaunliche Aussage. Der Sündlose wurde zur Sünde gemacht.
Die Sünde bedrückte unseren großen Stellvertreter aufs Schwerste. Er fühlte ihr Gewicht im Garten Gethsemane, wo er „Schweiß wie große Blutstropfen schwitzte, die auf die Erde fielen“. Ihr voller Druck kam auf ihn, als er an das verfluchte Holz genagelt wurde. Dort trug er in den Stunden der Finsternis unendlich mehr, als wir sagen können. Wir wissen, dass er Verurteilung aus Menschenmund ertrug, sodass geschrieben steht: „Er wurde den Übeltätern zugerechnet.“ Wir wissen, dass er um unsertwillen Schmach trug. Zitterten eure Herzen nicht am letzten Sonntagabend, als unser Text lautete: „Da spien sie ihm ins Angesicht“? Es war grausame Verachtung, die sich an seiner gepriesenen Person erschöpfte. Das, sage ich, wissen wir. Wir wissen, dass er unzählige Schmerzen an Leib und Seele ertrug: Er dürstete, er schrie in der Qual der Verlassenheit, er blutete, er starb. Wir wissen, dass er seine Seele in den Tod ausschüttete und den Geist aufgab. Doch hinter all diesem und darüber hinaus lag ein unermesslicher Abgrund des Leidens. Die griechische Liturgie spricht treffend von „deinen unbekannten Leiden“; wahrscheinlich sind es für uns unerkennbare Leiden. Er war Gott ebenso wie Mensch, und die Gottheit verlieh der Menschheit eine allmächtige Kraft, sodass in seiner Seele ein Maß an Qual zusammengedrängt und von ihr ertragen wurde, von dem wir uns keine Vorstellung machen können. Ich will nicht mehr sagen: Es ist weise, zu verhüllen, was man nicht darstellen kann. Dieser Text verhüllt und enthüllt zugleich seinen Schmerz, indem er sagt: „Er hat ihn zur Sünde gemacht.“ Blickt in diese Worte hinein. Erfasst ihre Bedeutung, wenn ihr könnt. Die Engel begehren hineinzuschauen. Schaut in diesen furchtbaren Kristall. Lasst eure Augen tief in diesen Opal dringen, in dessen edelsteingleicher Tiefe Feuerflammen lodern. Der Herr machte den vollkommen Unschuldigen für uns zur Sünde: Das bedeutet mehr Erniedrigung, Finsternis, Qual und Tod, als ihr fassen könnt. Es brachte eine Art innerer Zerrüttung und beinahe eine Vernichtung über den zarten und sanften Geist unseres Herrn. Ich sage nicht, dass unser Stellvertreter eine Hölle erduldete; das wäre nicht zu rechtfertigen. Ich will nicht sagen, dass er entweder genau die Strafe für die Sünde oder etwas ihr Gleichwertiges ertrug; aber ich sage, dass das, was er ertrug, der Gerechtigkeit Gottes eine klarere und wirksamere Bestätigung seines Gesetzes darbot, als die Verdammnis der Sünder, für die er starb, sie hätte darbieten können. Das Kreuz offenbart unter vielen Gesichtspunkten den Zorn Gottes gegen die menschliche Sünde vollständiger als selbst Tophet und der Rauch der Qual, der von Ewigkeit zu Ewigkeit aufsteigt. Wer Gottes Hass gegen die Sünde erkennen will, muss den Eingeborenen an Leib und Seele bis zum Tod bluten sehen; er muss tatsächlich jedes Wort meines Textes entziffern und seine innerste Bedeutung lesen. Da, meine Brüder, schäme ich mich der Armut meiner Erklärung und will deshalb nur die volle und erhabene Sprache des Apostels wiederholen: „Er hat ihn für uns zur Sünde gemacht.“ Das ist mehr als: „Er hat ihn mit Leiden geschlagen“; mehr als: „Gott hat ihn verlassen“; mehr als: „Die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm“. Es ist die bedeutungsvollste aller Beschreibungen: „Er hat ihn für uns zur Sünde gemacht.“ O Tiefe des Schreckens und doch Höhe der Liebe!
So gehe ich weiter und frage drittens: Wer hat es getan? Der Text sagt: „Er hat ihn für uns zur Sünde gemacht“; das heißt, Gott selbst war es, der seinen geliebten Sohn dazu bestimmte, für schuldige Menschen zur Sünde gemacht zu werden. Die Weisen sagen uns, diese Stellvertretung könne nicht gerecht sein. Wer hat sie zu Richtern darüber gemacht, was recht und gerecht ist? Ich frage sie, ob sie glauben, dass Jesus überhaupt gelitten hat und gestorben ist. Wenn sie das glauben, wie erklären sie dann diese Tatsache? Sagen sie, er sei als Vorbild gestorben? Dann frage ich: Ist es gerecht, dass Gott ein sündloses Wesen als Vorbild sterben lässt? Die Tatsache des Todes unseres Herrn steht fest und muss erklärt werden. Unsere Erklärung ist die vollständigste und wahrste.
Darin, dass der Herr Jesus Christus dazu bestimmt wurde, für uns zur Sünde gemacht zu werden, zeigte sich zuerst die göttliche Souveränität. Gott tat hier, was niemand außer ihm hätte tun können. Es wäre uns allen zusammen nicht möglich gewesen, Sünde auf Christus zu legen; aber dem großen Richter über alle, der über seine Angelegenheiten keine Rechenschaft gibt, war es möglich zu bestimmen, dass es so sein sollte. Er ist die Quelle aller Rechtschaffenheit, und die Ausübung seines göttlichen Vorrechts ist immer unbestreitbare Gerechtigkeit. Den Herrn Jesus, der sich selbst als freiwilliger Bürge und Stellvertreter anbot, als Bürgen und Stellvertreter für schuldige Menschen anzunehmen, lag in der Macht des großen Allerhöchsten. In seiner göttlichen Souveränität nahm er ihn an, und vor dieser Souveränität beugen wir uns. Wenn jemand sie infrage stellt, ist unsere einzige Antwort: „Ja, o Mensch, wer bist du denn, dass du Gott widersprichst?“
Der Tod unseres Herrn offenbarte auch die göttliche Gerechtigkeit. Es gefiel Gott als dem Richter über alle, dass die Sünde nicht vergeben werden sollte, ohne die Strafe einzufordern, die ihr so gerecht angedroht worden war, oder ohne eine andere Erweisung der Gerechtigkeit, die dem Gesetz Genüge tun würde. Man sagt, dies sei nicht der Gott der Liebe. Ich antworte: Es ist der Gott der Liebe, und zwar in höchstem Maße. Säße heute ein Richter auf der Richterbank, dessen Wesen die Güte selbst wäre, so müsste er als Richter doch Recht üben; täte er es nicht, würde er seine Güte lächerlich machen. Ja, seine Güte gegenüber dem Verbrecher wäre Lieblosigkeit gegenüber der ganzen Gesellschaft. Wie der Richter persönlich auch sein mag, kraft seines Amtes ist er verpflichtet, Recht zu üben. Und „sollte der Richter der ganzen Erde nicht Recht üben?“ Ihr sprecht von der Vaterschaft Gottes. Führt dieses Thema aus, so weit ihr wollt, selbst bis ihr eine Irrlehre daraus macht; Gott bleibt dennoch der große sittliche Herrscher des Weltalls, und er muss mit der Sünde so verfahren, dass sie als etwas Böses und Bitteres sichtbar wird. Gott kann vor der Bosheit nicht die Augen zudrücken. Ich preise seinen heiligen Namen und bete ihn dafür an, dass er nicht ungerecht ist, um barmherzig zu sein, und dass er die Schuldigen nicht verschont, um seiner Sanftmut nachzugeben. Jede Übertretung und jeder Ungehorsam empfängt seine gerechte Vergeltung. Doch durch das Opfer Christi kann er auf gerechte Weise vergeben. Ich preise seinen heiligen Namen dafür, dass er zur Bestätigung seiner Gerechtigkeit beschloss, den Gläubigen eine freie Vergebung zu gewähren, die auf einer Sühne gegründet ist, welche allen Forderungen des Gesetzes Genüge getan hat.
Bewundert im stellvertretenden Opfer auch die große Gnade Gottes. Vergesst niemals, dass der, den Gott für uns zur Sünde machte, sein eigener Sohn war; ja, ich gehe weiter: In gewissem Sinne war es er selbst; denn der Sohn ist eins mit dem Vater. Ihr dürft die Personen nicht vermischen, aber ihr könnt das Wesen der gepriesenen Dreieinigkeit in der Einheit nicht teilen. Ihr dürft den Sohn Gottes nicht so vom Vater trennen, dass ihr vergesst, dass Gott in ihm war und die Welt mit sich selbst versöhnte. Es ist das andere Selbst des Vaters, das am Kreuz in menschlicher Gestalt blutet und stirbt. „Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott“: Dieses Licht wurde verfinstert, diese Gottheit hat die Gemeinde mit ihrem eigenen Blut erkauft. Hier ist unendliche Liebe! Ihr sagt mir, Gott hätte ohne Sühne vergeben können. Ich antworte: Endliche und fehlbare Liebe hätte das tun und sich damit selbst verwunden können, indem sie die Gerechtigkeit tötete; doch die Liebe, die die Sühne sowohl forderte als auch bereitstellte, ist wahrhaft unendlich. Gott selbst sorgte für die Sühne, indem er sich in der Person seines Sohnes frei und völlig hingab, um infolge der menschlichen Sünde zu leiden.
Was ihr hier beachten sollt, ist dies: Sollte euer Sinn je durch die Frage beunruhigt werden, ob ein stellvertretendes Opfer angemessen oder recht sei, so könnt ihr die Sache sofort entscheiden, indem ihr euch erinnert, dass Gott selbst „den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht hat“. Wenn Gott es tat, ist es gut getan. Ich bin nicht besorgt, eine Tat Gottes zu verteidigen: Wer es wagt, seinen Schöpfer anzuklagen, möge bedenken, was er tut. Wenn Gott selbst das Opfer bereitgestellt hat, seid gewiss, dass er es angenommen hat. Es kann niemals infrage gestellt werden, da Jehova unsere Schuld auf ihm zusammentreffen ließ. Der Christus für uns zur Sünde machte, wusste, was er tat, und uns steht es nicht zu, nun zu fragen: „Ist das recht, oder ist es nicht recht?“ Der dreimal heilige Gott hat dies getan, und es muss recht sein. Was Gott zufriedenstellt, darf auch uns zufriedenstellen. Wenn Gott am Opfer Christi Wohlgefallen hat, sollten wir dann nicht mehr als zufrieden sein? Sollten wir nicht entzückt, hingerissen, wie ins Paradies versetzt sein darüber, dass wir durch ein solches Opfer errettet werden, das Gott selbst bestimmt, bereitstellt und annimmt? „Er hat ihn für uns zur Sünde gemacht.“
Der letzte Punkt ist: Was geschieht infolgedessen mit uns? „Damit wir in ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden.“ O dieser gewichtige Text! Kein lebender Mensch kann ihn ausschöpfen. Selbst in den blühendsten Tagen der Theologie hat kein Theologe gelebt, der dieser Aussage jemals auf den Grund gehen konnte.
Jeder Mensch, der an Jesus glaubt, wird dadurch vor Gott gerecht gemacht, dass Christus seine Sünde auf sich genommen hat. Wir sind gerecht durch den Glauben an Christus Jesus, „gerechtfertigt aus Glauben“. Mehr noch: Uns wird nicht nur die Eigenschaft „gerecht“ gegeben, sondern wir werden zu der Wirklichkeit, die „Gerechtigkeit“ genannt wird. Ich kann das nicht erklären, aber es ist keine Kleinigkeit. Es bedeutet nichts Geringes, wenn von uns gesagt wird, wir würden „zur Gerechtigkeit gemacht“. Darüber hinaus werden wir nicht nur zur Gerechtigkeit, sondern zur „Gerechtigkeit Gottes“ gemacht. Hier liegt ein großes Geheimnis. Die Gerechtigkeit, die Adam im Garten besaß, war vollkommen, aber es war die Gerechtigkeit eines Menschen; unsere ist die Gerechtigkeit Gottes. Menschliche Gerechtigkeit versagte; der Gläubige aber hat eine göttliche Gerechtigkeit, die niemals versagen kann. Er hat sie nicht nur, sondern er ist sie: Er wird „zur Gerechtigkeit Gottes in Christus gemacht“. Nun können wir singen:
„Mit dem Gewand meines Heilands angetan,
Heilig wie der Heilige selbst.“
Wie angenehm müssen Gott diejenigen sein, die von Gott selbst „zur Gerechtigkeit Gottes in ihm“ gemacht worden sind! Ich kann mir nichts Vollkommeneres vorstellen.
Wie Christus zur Sünde gemacht wurde und doch niemals sündigte, so werden wir zur Gerechtigkeit gemacht, obwohl wir nicht behaupten können, in und aus uns selbst gerecht gewesen zu sein. Obwohl wir Sünder sind und dies mit Trauer bekennen müssen, bedeckt uns der Herr doch so völlig mit der Gerechtigkeit Christi, dass nur seine Gerechtigkeit gesehen wird und wir zur Gerechtigkeit Gottes in ihm gemacht werden. Das gilt von allen Heiligen, von allen, die an seinen Namen glauben. O der Glanz dieser Lehre! Kannst du es sehen, mein Freund? Obwohl du ein Sünder und in dir selbst befleckt, entstellt und erniedrigt bist, so sind doch, wenn du den großen Stellvertreter annehmen willst, den Gott dir in der Person seines geliebten Sohnes gibt, deine Sünden von dir genommen, und Gerechtigkeit ist zu dir gekommen. Deine Sünden wurden auf Jesus gelegt, den Sündenbock; sie sind nicht mehr dein, er hat sie hinweggetan. Ich kann sagen, seine Gerechtigkeit wird dir zugerechnet; aber ich gehe weiter und sage mit dem Text: „Du bist zur Gerechtigkeit Gottes in ihm gemacht worden.“ Keine Lehre kann denen süßer sein, die das Gewicht der Sünde und die Last ihres Fluches fühlen.
II. So fasse ich nun alles zusammen und muss mit dem zweiten Teil des Textes schließen, der nicht Lehre, sondern die Anwendung der Lehre ist — EIN GROSSES ARGUMENT. „So sind wir nun Botschafter an Christi statt, als ob Gott euch durch uns bäte; wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!“
O hätten diese Lippen Worte, oder könnte dieses Herz ohne sie sprechen! Dann würde ich jede unbekehrte, ungläubige Seele an diesem Ort anflehen, ja, flehen wie um mein eigenes Leben. Freund, du lebst in Feindschaft mit Gott, und Gott zürnt dir; aber von seiner Seite besteht jede Bereitschaft zur Versöhnung. Er hat einen Weg eröffnet, auf dem du sein Freund werden kannst — einen Weg, der ihn sehr viel kostet, für dich aber frei ist. Er konnte seine Gerechtigkeit nicht aufgeben und damit die Ehre seines eigenen Wesens zerstören; aber er gab seinen Sohn hin, seinen Eingeborenen und Vielgeliebten; und dieser sein Sohn wurde für uns zur Sünde gemacht, obwohl er keine Sünde kannte. Sieh, wie Gott dir entgegenkommt! Sieh, wie bereit er ist und wie sehr er danach verlangt, dass zwischen ihm und schuldigen Menschen Versöhnung zustande kommt. O ihr Menschen, wenn ihr nicht errettet seid, liegt es nicht daran, dass Gott euch nicht erretten will oder kann; es liegt daran, dass ihr euch weigert, seine Barmherzigkeit in Christus anzunehmen. Wenn heute ein Zwiespalt zwischen euch und Gott besteht, dann nicht aus Mangel an Güte auf seiner Seite, sondern aus Mangel an Willigkeit auf eurer. Die Verantwortung für euer Verderben liegt bei euch selbst: Euer Blut muss auf euren eigenen Kleidern sein.
Beachtet nun, was wir euch heute zu sagen haben: Wir wünschen sehnlich, dass ihr Frieden mit Gott habt, und deshalb handeln wir als Botschafter Christi. Ich will nicht das Amt des Botschafters als ehrenvoll oder mit Vollmacht ausgestattet betonen, denn ich glaube nicht, dass dies bei euch Gewicht hätte; ich lege vielmehr allen Nachdruck auf den Frieden, zu dem wir euch führen möchten. Gott hat mich mit sich selbst versöhnt, und ich möchte so gern, dass auch ihr versöhnt werdet. Einst kannte ich ihn nicht und kümmerte mich auch nicht um ihn. Ich lebte gut genug ohne ihn und spielte mit den Nichtigkeiten eines Tages, um ihn zu vergessen. Er brachte mich dazu, sein Angesicht zu suchen, und indem ich sein Angesicht suchte, fand ich ihn. Er hat meine Sünden getilgt und meine Feindschaft weggenommen. Ich weiß, dass ich sein Diener bin und er mein Freund, mein Vater und mein Alles ist. Und nun kann ich nicht anders, als auf meine armselige Weise zu versuchen, euch gegenüber sein Botschafter zu sein. Ich möchte nicht, dass jemand von euch in Feindschaft mit meinem Vater lebt, der euch geschaffen hat, und dass ihr ihn mutwillig reizt, indem ihr das Böse dem Guten vorzieht. Warum solltet ihr nicht Frieden haben mit einem, der so sehr Frieden mit euch haben möchte? Warum solltet ihr den Gott der Liebe nicht lieben und euch an dem erfreuen, der so gütig zu euch ist? Was er für mich getan hat, ist er völlig bereit, auch für euch zu tun: Er ist ein Gott, der bereit ist zu vergeben. Ich habe sein Evangelium nun viele Jahre gepredigt, aber noch nie einen Sünder getroffen, den Christus nicht hätte reinigen wollen, als er zu ihm kam. Ich habe nie auch nur einen einzigen Fall gekannt, in dem ein Mensch, der Jesus vertraute und um Vergebung bat, seine Sünde bekannte und sie verließ, hinausgestoßen wurde. Ich sage, ich habe nie einen Menschen getroffen, den Jesus zurückwies; und ich werde auch niemals einen treffen. Ich habe mit Huren gesprochen, die er zur Reinheit zurückgeführt hat, und mit Trunkenbolden, die er von ihrer bösen Gewohnheit befreit hat, und mit Menschen, die abscheulicher Sünden schuldig waren und durch die Gnade unseres Herrn Jesus rein und keusch geworden sind. Sie haben mir immer dieselbe Geschichte erzählt: „Ich suchte den Herrn, und er erhörte mich; er hat mich in seinem Blut gewaschen, und ich bin weißer als Schnee.“ Warum solltet ihr nicht ebenso wie diese errettet werden?
Lieber Freund, vielleicht hast du nie über diese Sache nachgedacht, und heute Morgen bist du nicht mit der Absicht hierhergekommen, darüber nachzudenken; aber warum solltest du nicht damit anfangen? Du bist nur gekommen, um einen bekannten Prediger zu hören; ich bitte dich, vergiss den Prediger und denke nur an dich selbst, deinen Gott und deinen Heiland. Es muss verkehrt sein, ohne einen Gedanken an deinen Schöpfer zu leben. Ihn zu vergessen heißt, ihn zu verachten. Es muss verkehrt sein, die große Sühne zurückzuweisen; du weist sie zurück, wenn du sie nicht sogleich annimmst. Es muss verkehrt sein, dich deinem Gott zu widersetzen; und du widersetzt dich ihm, wenn du dich nicht mit ihm versöhnen lassen willst. Deshalb übernehme ich demütig die Rolle eines Botschafters Christi und flehe dich an: Glaube an ihn und lebe.
Beachtet, wie der Text es ausdrückt: „Wir sind Botschafter an Christi statt, als ob Gott euch durch uns bäte.“ Dieser Gedanke überwältigt mich. Als ich heute Morgen hierherkam, war mir, als könnte ich mein Gesicht in den Händen verbergen und weinen bei dem Gedanken, dass Gott irgendjemanden anfleht. Er spricht, und es geschieht; Myriaden von Engeln schätzen sich glücklich, auf seinen Befehl hin zu fliegen; und doch ist der Mensch so sehr zum Feind Gottes geworden, dass er sich nicht mit ihm versöhnen lassen will. Gott möchte ihn zu seinem Freund machen und gibt das Blut seines geliebten Sohnes hin, um diese Freundschaft zu besiegeln; aber der Mensch will es nicht. Seht, der große Gott beginnt, sein widerspenstiges Geschöpf anzuflehen! Sein törichtes Geschöpf! Dabei empfinde ich ehrfürchtiges Mitgefühl mit Gott. Muss er einen Rebellen anflehen, Vergebung anzunehmen? Hört ihr es? Engel, hört ihr es? Der König der Könige verhüllt seine Souveränität und lässt sich herab, sein Geschöpf anzuflehen, sich mit ihm versöhnen zu lassen! Ich wundere mich nicht, dass einige meiner Brüder vor einem solchen Gedanken zurückschrecken und nicht glauben können, dass es so sei: Es scheint den herrlichen Gott so sehr herabzusetzen. Und doch sagt mein Text es, und es muss wahr sein: „Als ob Gott durch uns ermahnte.“ Macht das Predigen nicht zu einem furchtbar ernsten Werk? Ich sollte euch anflehen, als spräche Gott durch mich zu euch, blickte euch durch diese Augen an und streckte seine Hände durch diese Hände aus. Er sagt: „Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt nach einem ungehorsamen und widersprechenden Volk.“ Er spricht leise, zärtlich und mit väterlicher Liebe durch diese meine armseligen Lippen, „als ob Gott euch durch uns bäte“.
Beachtet ferner die nächsten Worte, die, wenn möglich, noch mehr Kraft haben: „Wir bitten an Christi statt.“ Weil Jesus an unserer Stelle starb, sollen wir, seine Erlösten, andere an seiner Stelle bitten; und wie er sein Herz für Sünder ausschüttete, indem er ihren Platz einnahm, müssen wir auf andere Weise unser Herz für Sünder ausschütten, indem wir seinen Platz einnehmen. „Wir bitten an Christi statt.“ Wenn mein Herr heute Morgen hier wäre, wie würde er euch bitten, zu ihm zu kommen? Ich wünschte, mein Meister, ich wäre würdiger, jetzt an deiner Stelle zu stehen. Vergib mir, dass ich so unfähig bin. Hilf mir, mein Herz zu brechen bei dem Gedanken, dass es nicht so bricht, wie es sollte, um diese Männer und Frauen, die entschlossen sind, sich selbst zu verderben, und deshalb an dir vorbeigehen, mein Herr, als wärst du nur ein gewöhnlicher Verbrecher, der am Galgen hängt! O Menschen, wie könnt ihr den Tod des Sohnes Gottes so gering achten? Er ist das Wunder der Zeit, die Bewunderung der Ewigkeit. O Seelen, warum wollt ihr das ewige Leben zurückweisen? Warum wollt ihr sterben? Warum wollt ihr den verachten, durch den allein ihr leben könnt? Es gibt nur ein Tor zum Leben: Dieses Tor ist die geöffnete Seite Christi; warum wollt ihr nicht eintreten und leben? „Kommt her zu mir“, sagt er; „kommt her zu mir.“ Mir ist, als hörte ich ihn sagen: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch Ruhe geben. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen.“ Mir ist, als sähe ich ihn am letzten, dem großen Tag des Festes stehen und rufen: „Wenn jemand dürstet, so komme er zu mir und trinke!“ Ich höre ihn freundlich erklären: „Wer zu mir kommt, den werde ich keinesfalls hinausstoßen.“ Ich bin nicht würdig, euch an Christi statt zu bitten; aber ich bitte euch von ganzem Herzen. Ihr, die ihr meine Stimme Sonntag für Sonntag hört, kommt doch, nehmt das große Opfer an und lasst euch mit Gott versöhnen. Ihr, die ihr mich nur dieses eine Mal hört, ich möchte, dass ihr mit diesen Worten im Ohr fortgeht: „Lasst euch mit Gott versöhnen!“ Ich habe euch nichts Hübsches zu sagen; ich habe nur zu verkündigen, dass Gott ein Sühnopfer bereitet hat und nun die Sünder dringend bittet, zu Jesus zu kommen, damit sie durch ihn mit Gott versöhnt werden.
Wir fordern euch nicht zu irgendeiner unmöglichen Anstrengung auf. Wir gebieten euch nicht, etwas Großes zu tun; wir bitten euch nicht um Geld oder Bezahlung; ebenso wenig verlangen wir jahrelange elende Gefühle von euch, sondern nur dies: Lasst euch versöhnen. Es heißt nicht so sehr: Versöhnt euch aus eigener Kraft, sondern: „Lasst euch versöhnen.“ Gebt euch dem hin, der euch jetzt mit menschlichen Banden umschließen möchte und euch mit Seilen der Liebe zieht, weil er für euch hingegeben wurde. Sein Geist ringt mit euch; gebt seinem Ringen nach. Ihr wisst, dass mit Jakob ein Mann rang, bis die Morgenröte anbrach; lasst diesen Mann, diesen Gottmenschen, euch überwinden. Unterwerft euch. Gebt dem Griff jener Hände nach, die für euch ans Kreuz genagelt wurden. Wollt ihr eurem besten Freund nicht nachgeben? Der euch jetzt umarmt, drückt euch an ein Herz, das für euch mit dem Speer durchbohrt wurde. O gib nach! Gib nach, Mensch! Fühlst du nicht, wie eine gewisse Zartheit dich überkommt? Verhärte dein Herz nicht dagegen. Er spricht in leisestem, süßestem Ton: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht.“ Glaube und lebe! Verlass den Erzfeind, der dich in seinem Griff gehalten hat. Rette dein Leben, sieh nicht hinter dich, bleib nirgends in der ganzen Ebene stehen, sondern flieh dorthin, wo du die offene Tür des großen Vaterhauses siehst. Am Tor wartet der blutende Heiland, um dich aufzunehmen und zu sagen: „Ich wurde für dich zur Sünde gemacht, und du bist zur Gerechtigkeit Gottes in mir gemacht worden.“ Vater, zieh sie! Vater, zieh sie! Ewiger Geist, zieh sie um Jesu Christi, deines Sohnes, willen! Amen.